Auch Alwy Allwissend betreibt den neuen Volkssport Online-Shopping

Ich habe es schon wieder getan! „Jetzt kaufen“, lautete die Aufschrift auf dem gelben Button. Ein Klick und schon bin ich Herrscherin über die Paketsklaven. Dieses Mal war es ein neuer Staubsauger. Sein Vorgänger hatte sich leider mit einem Geruch von Verbranntem aus dem Leben verabschiedet.

Klar, natürlich hätte ich in die Stadt fahren und mir verschiedene Modelle angucken können. Aber will ich das? Zumal die Hamburger Innenstadt am 23.12. bestimmt tierrisch überlaufen ist. Nein, will ich nicht! Ich möchte mich lieber an dem neuen Volkssport der Deutschen beteiligen: Online-Shopping. Ich empfinde es vor allem als bequem und sehe darin für mich eine große Zeitersparnis. Jetzt in die Stadt zu fahren, hätte mich mit An- und Rückfahrt sicherlich mindestens eine Stunde Zeit gekostet! Das muss doch nicht sein, an einem Samstag, ein Tag vor Heiligabend. #FirstWordProblems

„47 Millionen Menschen haben im Jahr 2015 in Deutschland Waren oder Dienstleistungen für private Zwecke über das Internet gekauft oder bestellt.“ Pressemitteilung des Statischen Bundesamtes vom 12.07.2017

Aber Alwy Allwissend, wo ist denn dein kritischer Geist geblieben? Keine Sorge, den hege und pflege ich selbstverständlich. Ich laufe mit offenen Augen durch die Welt. Mir war es nur erst einmal wichtig aufzuzeigen, was meine Motivation hinter dem Befüllen virtueller Warenkörbe ist.

Nun komme ich zu den kritischen Aspekten meines Konsumverhaltens:

Beginnen wir mit dem letzten Punkt, weil er alle Bürger betrifft: Nicht nur Onlineversandhändler versuchen das Zahlen von Steuern zu umgehen. Im Prinzip ließe sich hier eine lange Liste von A wie Apple bishin zu Z wie Zara einfügen. Anders ausgedrückt: Welcher multinationale Konzern betreibt keine Steuervermeidung?

Die eigentliche Frage muss lauten: Wann werden diese künstlich geschaffenen Steuerschlupflöcher von der Politik endlich gestopft? Das Argument der Unternehmen, dass höhere Steuern Arbeitsplätze kosten könne, ist hanebüchen. Ich bin wie die Gewerkschaften fest davon überzeugt, dass kein Konzern sich aus dem deutschen Markt auf Grund höherer Steuersätze zurückziehen würde. Für Amazon beispielsweise ist Deutschland der zweitgrößte Markt nach den USA. Hier ist also die Politik gefragt, denn mit höheren Steuereinahmen des Fiskus könnten Schulen und Straßen und viele andere Dinge saniert werden.

Nun zum Einzelhandel: Auf der einen Seite ist der Vorwurf gerechtfertigt, auf der anderen Seite etwas zu kurz gegriffen. Ich möchte nur zu bedenken geben, wie lange es gedauert hat bis zum Beispiel Saturn und MediaMarkt es überhaupt geschafft haben, die Verfügbarkeit ihrer Produkte online darzustellen geschweige denn Online-Bestellungen anzubieten. Nun mit deutlichem Zeitversatz bieten beide Firmen inzwischen spannende Alternativen zum Branchenprimus Amazon.

Beim Spezialfall „Buchhandel“ ist der Vorwurf übrigens für mich nur schwer nachzuvollziehen, da in Deutschland durch die Buchpreisbindung kein preislicher Vorteil bei einer Online-Bestellung versus der Bestellung im stationären Handel existiert. Hier wurde sich meiner Meinung nach ein wenig zu lange ausgeruht, aber inzwischen auch nachgebessert! So lassen sich bei der Buchhandelskette Thalia beispielsweise inzwischen Bücher online bestellen, die dann noch am gleichen Tag in einer Filiale abgeholt werden können. Und dies wohlgemerkt auch dann, wenn das Buch vorher gar nicht in der Buchhandlung vorrätig war.

Der letzte Aspekt stimmt leider: Die Paketsklaven, wie der Volksmund vor allem die Zusteller, aber auch die Arbeiter in der Warenanahme, die „Stower“, die „Picker“ und Geschenkverpacker nennt, sind mit Sicherheit nicht gut bezahlt. Hier liegt aber meiner Meinung nach auch ein Fehler im System: Warum ist die Zustellung von Waren überhaupt so günstig, wenn nicht sogar kostenfrei? Eine Fahrt in die Hamburger Innenstadt würde mich ja auch mindestens ein Ticket des Verkehrsverbundes HVV kosten.

Meiner Meinung nach sollte die Branche an dieser Stelle noch einmal grundsätzlich über die umgangssprachliche letzte Meile nachdenken, denn wer wie ich gerne online bestellt, weiß wie nervig Zustellungen im eigenen Haushalt sein können, sofern sie nicht auf Stundenbasis vorab terminiert wurden. Ich glaube ein Ende des Gratis-Versands könnte vieles verändern und die Situation der Mitarbeiter, sofern die Unternehmen die Mehreinnahmen an sie weitergeben würden, verbessern.

Mein Staubsauger ist übrigens heute Morgen per Morning Express bei mir angekommen. Um kein zu schlechtes Gewissen ob der Niedriglöhne zu haben, habe ich meinem Paketsklaven fünf Euro Trinkgeld zugesteckt. Immerhin ist Morgen Heiligabend und die Zusteller haben dann mal eine Phase der Ruhe. Bis am 28. dann der Wahnsinn weitergeht, weil viele mit ihren Geschenken nicht zufrieden sind!

#Amazon #FirstWorldProblems #Paketsklaven

23. Dezember 2017